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Erholung pur oder Perfektionismus ade ...

Am Freitag letzte Woche hat mein Urlaub begonnen. Noch vor 6 Uhr am Morgen saß ich im Zug an die Ostsee, völlig erschöpft vom Chaos der Reisevorbereitungen (das ist einen eigenen Post wert) und der langen Zeit ohne Urlaub. Ich schlief beinahe die ganze Fahrt und seither ist schlafen eines meiner liebsten Hobbys geworden. Das und das Lesen von wirklich absurd schlecht geschriebenen Romanen. Die meiste Zeit in den letzten zwei Tagen verbrachte ich im Gammellook auf der Couch, wahlweise in ein Buch oder Serien vertieft und das Wetter hier ist so miserabel, das auch kaum etwas anderes möglich war. Und soll ich euch etwas verraten? ICH LIEBE ES. 
Wirklich. Die flache Unterhaltung, den langen Mittagsschlaf, der entspannte Tagesablauf - all das könnte kaum besser sein. Und während ich mich in den letzten Tagen einfach erholte, ging mir immer wieder der Begriff Perfektionismus durch den Kopf. 
Und als ich diesen Artikel der APA (American Psychological Association) las, beschloss ich daraus eine Montagsmotivation zu machen. 

Perfektionismus ist vielerorts als große Stärke anerkannt. Werden wir im Bewerbungsgespräch nach unseren Schwächen gefragt, ist es ratsam zu sagen "Ich bin leider sehr perfektionistisch und kann eine Aufgabe einfach nur sehr gründlich erledigen" Bewundernd starren wir Menschen an, die ihren Perfektionismus offen legen und dabei wunderschön, engelsgleich und ungemein erfolgreich sind. Zu sagen, dass ich perfektionistisch bin, bewirkt Bewunderung, allgemeines Kopfnicken und ebnet den ein oder anderen Weg.
Aber ist das wirklich so gut? Ist der Anspruch, dem wir nacheifern, dem wir gerecht werden wollen und den andere und wir selbst uns auferlegen wirklich das, was wir erreichen müssen?

Perfektionismus macht unglücklich. Wir streben nach einem unerreichbaren Ziel, das uns so nahe erscheint, wie Gatsby das grüne Licht. Doch in Wirklichkeit scheitern wir jeden Tag aufs Neue und fühlen uns wie Versager, weil die 100% gesunde Diät, die grundlegend wichtige Literatur oder der perfekt erfüllte Auftrag im Job einfach nicht geschehen wollen. Egal wie sehr wir uns bemühen. Die anderen sind besser, der Perfektionismus, der uns jeden Abend ins Ohr flüstert wo Optimierungsbedarf herrscht, zeigt uns deutlich als Versager. 

Egal in welchem Lebensbereich, sind wir zu perfektionistisch werden wir nicht nur unglücklich, sondern auch unproduktiv. Es gibt einen wunderbaren Spruch dazu:
Done is better than perfect. 

Wahre Worte, denn wenn wir unsere Arbeit nur dann abgeben können, wenn sie perfekt ist, werden wir bis zum Sankt Nimmerleins Tag daran werkeln und nie etwas zustande bringen (übrigens ein recht häufiges Problem bei allen kreativen Geistern wie Musikern, Schreiberlingen und Co). Wir sind so damit beschäftig alles zu perfektionieren, dass wir unsere eigentliche Aufgabe, eine Arbeit zu erledigen, einfach vergessen. Perfektionismus und seine Aufgabe gewissenhaft und gründlich zu erledigen haben nichts miteinander zu tun.
Haben wir den perfektionistischen Anspruch einen makellosen Körper zu haben, dann beschäftigen wir uns so sehr mit dem optimalen Gewicht, der perfekten Ernährung, den besten Workouts, das wir vergessen wofür unser Körper da ist: zum leben.
Das gleiche gilt in Beziehungen und Partnerschaften. So lange wir auf der Suche nach dem einen perfekten Partner sind, der uns für immer glücklich macht und fehlerlos ist, sind all unsere Beziehungen zu Scheitern verurteilt. Denn Perfektion und Menschlichkeit schließen sich aus. Niemand hat den perfekten Partner ohne Fehler und niemand ist der perfekte Partner ohne Fehler - das gehört einfach dazu. Hechten wir diesen Ansprüchen hinterher, werden wir auf Dauer unausstehlich und unglücklich. Und doch vergöttern wir alle Perfektionisten und wünschten wir wären wie sie. Dabei liegt das Besondere im Fehlerhaften, die wirkliche Schönheit oft in den kleinen Makeln, die das Auge fesseln. 



Ich habe perfektionistische Ansprüche an mich. Ich möchte mich weiter entwickeln und etwas schaffen. In den letzten Tagen fiel mir dies besonders bei der Wahl meiner Bücher auf. Während ich die flachste der flachen Unterhaltungsliteratur las, dachte ich die ganze Zeit wie wenig ich mich hierbei wirklich fordern und entwickeln würde. Schließlich könnte ich auch Proust lesen oder Satre im Original. Beides tat ich nicht und gab mich stattdessen einfacher Unterhaltungsliteratur auf der anderen Seite der Kitschgrenze hin. 
Ich genoß das Gefühl meinen Geist einmal nicht anstrengen zu müssen und niemandem etwas zu beweisen. Denn ganz ehrlich - warum auch?
Ich muss nicht immer perfekt sein, ich muss nicht immer zeigen was alles in mir steckt. Ich darf tatsächlich ich selbst sein, mit Wortwitz und Klamauk, dem bisschen zu viel Make up, zotteligen Haaren und einem Buch der flachen Unterhaltung in der Hand. Denn nur, wenn wir aufhören perfekt sein zu wollen, können wir einfach wir selbst sein. Und alles andere wäre auch Verschwendung, oder?

"And now that you don't have to be perfect, you can be good.”
John Steinbeck


Ich wünsche euch einen zauberhaften Start in die Woche
Lotte

Kommentare

  1. Tut mir leid, wenn ich das so sagen muss, aber in einem hast du Unrecht - gestern war das Wetter hier oben doch gar nicht soooo schlecht. ;)
    Aber ansonsten stimme ich dir zu. Am Anfang der Lehre hatte ich auch so ein bisschen Perfektionismus und dementsprechend groß war die Enttäuschung, wenn ich alles 100%ig war. Heute ist es mir nur noch wichtig, dass zu Hause alles gut läuft und ich mit mir selber im Reinen bin. Der Rest ist für mich nur noch Nebensache. :)

    Viele liebe Grüße,
    Anna

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    1. Hihi vielleicht habe ich beim Wetter ein bisschen übertrieben ;)
      Danke für den lieben Kommentar
      Lotte

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  2. Liebe Lotte,
    sehr gern habe ich deinen Post gelesen. Dieses Problem hatte auch mein liebster Physikdoktorand, der nach fünf Jahren seine Doktorarbeit aufgegeben hat, weil ihm die Ergebnisse nie perfekt genug erschienen und die Formulierungen immer noch besser klingen konnten... bis die Doktorarbeit ihn krank machte. Aber viele Menschen können eben nicht aus ihrer Haut, es ist nicht so, dass sie jemandem nacheifern, bei manchen ist es ein Teil ihrer Persönlichkeit und es kostet sie ein gutes Stück Arbeit diesen Perfektionstrieb zu ignorieren; ihn zum Schweigen zu bringen, wird diesen Menschen wahrscheinlich nie gelingen... da kommen mir auch vor allem die Künstler in den Sinn.
    Liebe Grüße
    Natalia

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