Direkt zum Hauptbereich

Höher? Schneller? Weiter?


Irgendwie leben wir ja in einer Zeit der ewigen Selbstoptimierung. Eigentlich müssen wir permanent glücklich und gut gelaunt sein, die Dinge lächelnd und mühelos schaffen, etwas erreichen, Karriere machen, nebenher eine Beziehung mit Leichtigkeit managen und - ganz besonders wichtig - ständig über uns hinaus wachsen. 
Das "an sich arbeiten" und die Selbstoptimierung nehmen inzwischen eine zentrale Rolle ein, zumindest, wenn wir den sozialen Medien glauben. 
Aber muss das eigentlich immer sein? Darf ich nicht auch einmal stehen bleiben und einfach ich sein? In einer Zeit, in der wir permanent sehen wie Perfektion aussieht, ist es da noch in Ordnung mal mit verwuschelten Haaren, Jogginghose und Eiscreme auf dem Sofa zu sitzen und NICHT das nächste große Projekt, den nächsten Urlaub oder auch nur den nächsten Yogakurs zu planen. 


Ist es nicht manchmal genug einfach zu sein ohne immer besser sein zu wollen?
Ich bin total dafür zu wachsen, an sich zu arbeiten und sich zu entwickeln. Aber kommt es wirklich immer darauf an?
Es gibt Tage, da habe ich die ganze Woche sehr lange gearbeitet und weiß, ich werde am Wochenende weiter arbeiten, weil ich nebenher promoviere. An diesen Tagen möchte ich gar nicht unbedingt noch herausragende Dinge tun, sondern bin zufrieden, wenn ich einfach atmen kann und vielleicht schlafen. Eventuell möchte ich mich noch mit meinem Partner unterhalten aber insgesamt bin ich auch einfach froh, wenn ich nur herumsitze und aus dem Fenster schaue. Natürlich fliegt irgendwo in meiner Wohnung meine Geige rum, selbstverständlich könnte ich Sartre im Original lesen oder noch Zeit damit verbringen mich selbst zu optimieren. Aber ganz ehrlich? Natürlich sind diese Dinge wunderbar und tauglich dafür sich zu profilieren, es ist aber auch völlig ok das Ganze einfach mal sein zu lassen. Eigentlich. 


Nur manchmal (ok mehr als manchmal) glaube ich im alltäglichen Wahn der Selbstoptimierung genau das nicht zu können oder zu dürfen. 
Dabei ist es so sinnvoll. Niemand kann dauerhaft 100% an sich und seiner Karriere oder an was auch immer arbeiten. Manchmal braucht es Pausen, Atemholen und Nichtstun um dann überhaupt wieder weiter machen zu können. 
Das ist gar nicht so einfach, weil sich augenblicklich das schlechte Gewissen meldet: Wenn du schon einmal Zeit hast, dann könntest du ja auch wenigstens... 
Ziemlich unbefriedigend, aber vielleicht müssen wir lernen genau dieses Gefühl auszuhalten. Vielleicht müssen wir nicht weiter hetzen, wenn wir schon einmal frei haben, sondern anhalten. 
Vielleicht ist nämlich genau das die Selbstoptimierung, die wir eigentlich brauchen. 


Every person needs to take one day away.  A day in which one consciously separates the past from the future.  Jobs, family, employers, and friends can exist one day without any one of us, and if our egos permit us to confess, they could exist eternally in our absence.  Each person deserves a day away in which no problems are confronted, no solutions searched for.  Each of us needs to withdraw from the cares which will not withdraw from us.” 
Maya Angelou, Wouldn't Take Nothing for My Journey Now

Habt einen wunderbaren Start in die Woche
Lotte

Kommentare

Beliebte Posts

Montagsmotivation ... Warum sind eigentlich immer die Eltern schuld?

Vor anderthalb Jahren schrieb ich einen Post darüber, woran meine Mutter "offiziell schuld ist" und machte einen Beitrag über die Dinge, die sie mir beigebracht hat.  Psychologen neigen je klischeemäßig dazu zu schauen, wo es Defizite im Elternhaus gab und was anders hätte laufen können und auch nicht zu unrecht. 
Trotzdem habe ich heute das Gefühl es wäre dran einen zweiten Teil zu schreiben. Ich habe das Glück auch mit einem Vater aufgewachsen zu sein und wenn es Dinge gibt für die meine Mum sicher die Verantwortung hat, so gibt es auch einige Dinge, die er mir beigebracht hat und für die ich dankbar bin. Also heute einmal Teil Zwei, ein bisschen rührselig und sicherlich wird der ein oder andere Kollege etwas von wegen "idealisiertes Bild" vor sich hin murmeln, aber während es manchmal leicht sein kann den Eltern die Verantwortung für die eigene Verkorkstheit zu geben, finde ich es wichtig auch die Geschenke zu betrachten, die wir bekommen haben. Also habe ich f…

Liebe Populisten - Warum der Wahnsinn keine Methode haben sollte oder Goethes Osterspaziergang in deutlich

Gestern las ich einen Artikel, der mich wirklich wütend machte. (http://m.spiegel.de/gesundheit/psychologie/bayern-will-daten-von-psychiatrie-patienten-ueber-jahre-speichern-a-1203187.html)Dabei geht es darum, dass die  bayrische Regierung ein Gesetz prüft nach dem Daten psychisch Kranker, die aufgrund von Eigen-/Fremdgefährdung behandelt wurden, 5 Jahre gespeichert und zu Sicherheitszwecken verwendet werden. Dieser Gesetzesentwurf, der unter anderem besagt es gehe vorrangig nicht um Linderung von Leid sondern um Sicherung, ist nicht nur ein buchstäblicher Schlag ins Gesicht all jener Menschen, die unter einer solchen Erkrankung leiden, er gefährdet auch nachhaltig die Menschlichkeit im Umgang mit Anderen. Aus diesem Grund gibt es heute einen politischen Beitrag, denn sowohl meine politische Einstellung als auch meine berufliche Perspektive machen es mir unmöglich hier zu schweigen. Vorweg gestellt sei, fasslich großartige Menschen aus Bayern kenne und weiß, dass es dort Freigeister u…

Allzu Menschliches

Manchmal, wenn ich Sonntage zum Abschalten nutze, schaue ich flache Unterhaltung, seichte Filme oder stöbere durch die Welt der oberflächlichen youtube Kanäle. Das macht mitunter ziemlich Spaß und ich genieße es sehr, einmal nicht viel nachdenken zu müssen und mich treiben zu lassen. Dann wiederum gibt es andere Tage, Tage, an denen ich auf der Suche nach einem weiteren Blick und ein bisschen Inspiration bin.  Für solche Tage sind Dokumentationen wie geschaffen, gerne auch Dokumentationen fernab des üblichen historischen BlingBling.  Vor einiger Zeit sah ich an einem solchen Tag "human - die Menschheit" und bin seither begeistert. Von den Aufnahmen, der Geschichte, der Idee, der Musik. Zugegeben, zum Teil ist das alles recht pathetisch, dennoch berührend, aufwühlend und inspirierend. Da der Film über zweieinhalb Stunden geht, habe ich immer mal wieder eine halbe Stunde angeschaut und dann etwas anderes gemacht, denn Interviews mit 2000 Menschen zu den verschiedensten Themen,…